Messer und mehr

 

Solingen/von Peter Nied

 

In unserer Reihe "Solinger Industriegeschichte" befassen wir uns einmal dem Thema: Was wurde überhaupt in Solinger Schneidwarenunternehmen produziert, zu. Wir steigen nach umfangreicher Recherche in den Zeitraum vor einhundert Jahren ein. Dazu haben wir uns in den Archiven einiger Solinger Firmen umgeschaut.

 

Museale Schwärmerei darf man sich schon leisten, bei den filigranen Arbeiten an Klinge und Heft. Die Produkte haben aus heutiger Sicht etwas außerordentlich Schönes. Und doch ist die damalige Produktpalette der größeren Firmen einfach nur das Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Der Konsum wurde, dank industrieller Fertigung, beschleunig. Der Export stieg steil an und wurde gepflegt, wobei frühe Kontakte in die USA im Vordergrund standen.

 

Das Sortiment der großen Schneidwarenunternehmen Ware enorm umfangreich. Die Fertigung war äußerst individuell und die Handarbeit stand noch im Vordergrund. Serienfertigung, bei bereinigter Produktpalette gab es im heutigen Sinne noch nicht.  Wie also sahen die Angebote der großen Firmen wie Ern, Henckels, Krusius oder Wüsthof aus? Richtig umfangreich zeigt sich ein gebundenes Musterbuch der Fa. Ed. Wüsthof. Taschenmesser diverser Ausführungen sind dicht an dicht auf 38 Seiten abgebildet. Lose Klingen, Hefte und Nieten gibt es im Anhang. Das Musterbuch hat einen Umfang von 277 Seiten. Wie in anderen Firmen produzierte auch Wüsthof Taschenmesser in ihrer ganzen Vielfalt der Ausführungen. Bei Messern und Rasiermessern oder Taschenmessern spielten die Hefte und Griffe eine wesentliche Rolle bei den Kunden. Alles war in Solingen zu haben: Hirschhorn, Horn, Knochen, Metall, viele Holzsorten oder Elfenbein. Die Fertigung war richtig aufwendig und umständlich.

 

 Gefertigt wurde für den Binnenmarkt, und so sahen die Produkte für den Alltag dann auch aus. Aber da war ja auch noch der Markt für den Export. Hier hatten wir dann den großen Unterschied. Da gab es die Fa. Friedr. Herder Abr. Sohn am Grünewald. Es gab Exporte in die Niederlande, die dann in ihre Kolonien weiter exportierten. Folglich gingen vom Grünewald viele Zapfmesser für Gummibäume in die Welt. Die Solinger fertigten auch vielfältige Modelle, die in den Beruf gingen. Und diese Berufe gibt es heute nicht mehr, oder sie wurden immer mehr modernisiert oder automatisiert. Im Jahre 1909 hatte Zwilling Hufmesser, Ledermesser, Kürschnermesser, Sattlermesser, Schuhmachermesser und Töpfermesser in seiner Fertigung. Weiter im Grünewalder Angebot: Brieföffner, Champagnerzangen, Schnitzmesser und Wetzstähle. Wüsthof Dreizackwerk hatte es noch spezieller: Metzgerketten, Obstmesserständer, Hasenbrecher und Reisebestecke. Die großen Unternehmen führten unzählig viele Modelle und Varianten einzelner Produktgruppen. Das haben die Firmen natürlich nicht alles in ihren Firmen selbst hergestellt. Heimarbeiter und andere Zulieferer prägten bis in die 1950er Jahre unsere Stadt. Alle waren auf etwas spezialisiert und belieferten die großen Unternehmen.

 

Auch Scheren und Bestecke wurden in der Klingenstadt gefertigt. Scheren, die heute nur noch die Ausnahme sind: ganz geschmiedete Schneiderscheren, viele Modelle für die Handarbeit, Knopflochscheren und immer der Hingucker, die Storchenschere. Umfangreich war damals auch die Besteckindustrie in Solingen. Das 24teilige Besteck war ja nur der Grundstock. Hinzu kam ja noch das ganze Zubehör, wie Gabeln und Messer zu bestimmten Vorgängen am Esstisch und in der Küche. Und noch eine Produktgruppe wurde in Solingen hergestellt: Rasiermesser und später Rasierapparate.

 

Dabei gab es bei der Vielfältigkeit in der Produktion in den einfachen Haushalten gar nicht so viele Produkte aus Solingen. Ein Brotmesser (damals noch ohne Welle oder Säge), das Zöppken und ein Fleischmesser. Messer wurden eigentlich für Berufe wie Schlachter oder Köche hergestellt. Und auch das umfangreiche Programm an Maniküre fand im Arbeiterhaushalt nicht viel Platz.

 

Großen Raum fand die Produktion an Jagdwaffen und Messern. Teure Griffe aus Hirschhorn oder Knochen waren bei fast allen Herstellern zu haben.

 

Das alles wurde vor einhundert Jahren oder auch noch früher bei uns hergestellt. Vieles ging verloren, wird aber auch in anderer Form heute wieder hergestellt. Leider gehen da die Zahlen etwas auseinander und Suppenlöffel oder Kuchenheber kommen heute auch nicht immer aus Solingen.

 

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