Mittags im Kotten

Frisch auf den Tisch

 

 Solingen/Kottenbutter und Krammetsvögel
Vorweg bemerkt, unser Essverhalten hat sich enorm verändert. Wir essen bewusster und das Angebot sieht heute wesentlich anders aus. Schauen wir den Schleifern einmal in den Topf alter Zeiten. Die Wohnstätten der Schleifer lagen an der Wupper oder den Bachläufen. Balkhausen, Wippe oder Kuckesberg, zum Beispiel. So konnten die Frauen ihren Männern das Mittagessen in den Kotten bringen. Nach Einsatz der Dampfmaschinen und Elektrizität konnte ohne Wasserkraft unabhängig von den Wohnstätten in großen Kotten (Maschinn) gearbeitet werden. Man nahm einen Henkelmann (verschließbares Behältnis aus Metall oder Blech) mit in den Kotten und erhitzte das Essen im Wasserbad auf einem sogenannten Kanonenofen.
Dem Autor ist aus seiner Kindheit noch solch eine Prozedur in Erinnerung geblieben. Sein Onkel wohnte am Kuckesberg und war Schleifer im Kuckesberger-Kotten. Nach dem der Kotten abgebrannt war begann der Onkel als Besteck-Polierer in einem Kotten an der L 288 von Haan nach Hilden. Die Tante brachte jeden Mittag das heiße Essen, in große Tücher gewickelt, zu Fuß vom Kuckesberg über den Itterbach in den Kotten. Dort wurde die gesamte Belegschaft (vier Arbeiter) aus dem Topf versorgt. Eine Woche später übernahm eine andere Frau diese “Dienstleistung”.
Der Klassiker war ohne Zweifel die Kottenbutter zum Frühstück. Dazu gehörte auf Schwarzbrot geräucherte Mettwurst mit Zwiebeln und Senf. Angesagt war überhaupt Fett. Alles musste fettig sein, in jedes Essen gehörte eine Wurst oder auch eine Speckschwarte (zu Möhren untereinander). Gemüse mit Kartoffeln untereinander war zum Transport und zum Verzehr in einem Behältnis sehr praktisch. Auch andere Leckerchen hatten ihren Platz im Kotten. Kalte Reibekuchen auf Graubrot waren ebenso beliebt wie ein Pfannkuchen vom Vortag.
In der Südstadt war auch “Essen auf Rädern” vom Kaufmann Wiegand beliebt. Der fuhr mit seinem Handkarren an den Kotten entlang und verkaufte Fisch und Gurken. Da konnten die Schleifer bei einer gemeinsamen Flasche Korn nichts falsch machen mit Wiegands Hering. Wiegand lieferte bis in die 1950er Jahre und betrieb danach einen Fischhandel an Ecke Glockenstraße/Hermannstraße.
Aber es ging auch noch ausgefallener auf dem Speiseplan. In ganz armen Zeiten hatten Katzen nicht nur bei Solinger Schleifern ein Problem. In Sheffield nannte man es „Roof-Rabbits“ und bei uns einen “Dachhasen”. Und die Schleifer verspeisten nicht nur Miezen, sondern auch mit großer Leidenschaft “Krammetsvögel”. Das waren Drosseln.
Wacholderdrosseln wurden in Europa massenhaft gefangen und gegessen. Aus einem zeitgenössischen Kochbuch:
„Die Krammetsvögel werden gerupft, die Haut vom Kopf gezogen, gesengt, der Darm durch die Afteröffnung entfernt. Dann wäscht man die Vögel, sticht die Augen aus, schlägt die Krallen von den Füßen, biegt den Kopf über die Brust und steckt die Füße über Kreuz durch die Augenhöhlen. Die Vögel werden mit Salz und einigen gestoßenen Wacholderbeeren eingerieben. Hierauf macht man Butter in einer Pfanne hellbraun, etwa ½ Esslöffel für eine Drossel, und bratet die Vögel unter Öfteren Umwenden etwa in einer halben Stunde gar. Zur Sauce gießt man etwas Wasser hinzu. Die Vögel werden nicht ausgenommen. Man kann die Krammetsvögel auf gerösteten Semmelscheiben anrichten und Sauerkohl dazugeben.“

(Quelle: M. und E. Doenning: Kochbuch der ostpreußischen Haushaltschule Königsberg 1911 (6. Auflage) Seite 147

Foto Stadtarchiv Solingen

 

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