Vom Musterbuch zum Katalog


Solingen/von Peter Nied - bevor wir einige der farbenprächtigen alten Solinger Musterbücher für das Messermagazin aufschlagen, gehen wir einen großen Schritt in der Geschichte dieser speziellen Bücher zurück.
Bevor diese Art von Büchern branchenspezifisch wurde, waren es auch Themen übergreifende Anschauungs-Bände.
Schon in der Zeit der Antike gab es Vorläufer dieser Musterbücher für Dekorationen und diverse Ornamente. Auch in der Zeit des Mittelalters sind solche Sammlungen von Zeichnungen für Ornamente zuzuordnen. Bekannt ist auch ein Skizzenbuch des Baumeisters Villard de Honnecourt (1230-1235 Nationalbibliothek, Paris).
Für den deutschen Sprachraum könnte man oben genanntes Musterbuch mit dem „Reiner Musterbuch“ vergleichen. Dieses Buch wird auf 1208-1213 datiert und liegt in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien.
Nachfolger sind das holländische Tulpenbuch sowie Sammlungen für Stoffe und später auch unsere Musterbücher für Solinger Schneidwaren.

Die nachstehend beschriebenen Musterbücher der Solinger Schneidwaren – Firmen zeigen nur einen winzigen Einblick in die umfangreiche Produktpalette der Zeit gegen ende des 19. Jahrh. Erste industrielle Fertigungsabläufe vergrößerten die Produktvielfalt noch einmal um ein Vielfaches. Zu Beginn des 20. Jahrh. fertigte man auch in Solingen rationeller und vor allem für den Kunden übersichtlicher. Vor dem Einsatz der ersten Musterbücher reisten die Händler und kleineren Fabrikanten mit je einem Muster aller Produkte zu den Kunden. Hierbei reisten die Vertreter oft mit mehreren Koffern. Eines der ersten Solinger Musterbücher der Firma Johannes Schimmelbusch ist auf 178 datiert. Auf über 300 Seiten sind über 1.000 Produkte der Schneidwarenindustrie von Hand gezeichnet. Üblich war auch die Farbenpracht, die jedoch seriös und ruhig mit ihren Aquarellfarben auf den Betrachter wirkte. Es waren, von Musterbuchmalern angefertigte, Einzelstücke.
Ende des 19. Jahrh. Kamen die ersten gedruckten Musterbücher heraus, die als Vorgänger der Kataloge galten Diese Exemplare blieben dann auch immer öfter bei den Stammkunden. Parallel zu gedruckten Musterbüchern und Katalogen, gab es auch noch recht lange sogenannte Musterbretter. Mit Samt bespannte Holzbretter zeigten neue Modelle von Taschen – und Rasiermessern. Die ständige Praxis der fachkundigen Vertreter hatte auch wesentlichen Einfluss bei Qualität und Preisgestaltung. Anfangs des 20. Jahrh. gründeten einige Solinger Firmen Niederlassungen mit großen städtischen – und ländlichen Einzugsbereichen. Eines der ersten Stadtschmiedegeschäfte gründete der Solinger Max Hölterhoff in Stettin. Beliefert wurde er u.a. von seinem Bruder Hermann Hölterhoff, der in Solingen Heftefeiler war. So waren die Solinger näher am Kunden. Ein ganzes Netz solcher Filialen unterhielt Zwilling. Begonnen wurde mit der ersten Filiale in Berlin 1818. Trotz der im Laden ausgelegten Ware gab es auch hier gedruckte Musterbücher mit Zeichnungen. Inhaltlich waren diese Musterbücher speziell auf das Angebot vor Ort abgestimmt.
Da gedruckte Musterbücherpreiswerter waren als Einzelstücke, gingen die Solinger Fabrikanten immer mehr dazu über, Nachträge, neue Preislisten und Vorstellungen bestimmter Messergruppen und Modelle zu drucken.
Heute liegen diese Musterbücher im Solinger Stadtarchiv, dem Klingenmuseum Solingen und einigen wenigen Privatsammlungen.
  
Einen detaillierten Einblick in die Geschichte der Solinger Musterbücher gibt uns Dr. Hanns – Ulrich Haedeke in seinem Betrag in „Mein Feld ist die Welt“, einem Katalog zu einer Ausstellung „Musterbücher und Kataloge 1784 – 1914“.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit das erste Solinger Musterbuch ist das der Fa. Jean Schimmelbusch. Dieses optische Erlebnis wurde im Jahre 1789 angefertigt, hat Federzeichnungen und ist im Aquarell farbig ausgemalt. Das Werk ist 330 Seiten stark und zeigt alleine 300 verschiedene Messermodelle. Neben 100 Scheren zeigt dieses frühe Musterbuch neben Schneidwaren auch noch viele Werkzeuge wie Bohrer, Ahle, Pfrieme und Zangen. Das Musterbuch liegt heute im Solinger Klingenmuseum. Weitere Zeugen der Zeit sind die Musterbücher der Fa. Schnitzler & Kirschbaum aus dem Zeitraum 1822 – 1835. Im Querfolio zeigt das erste der Bücher Gebrauchsmesser, Haumesser, Hirschfänger und Entersäbel. Bereits drei Jahre später, 1825, gibt die Firma ein weiteres Musterbuch heraus. Alleine bei den Blankwaffen zählt man 30 neue Modelle. Ätzungen und Vergoldungen werden angeboten, die Klingen werden auch im unmontierten Zustand gezeigt.  Ein Jahr später gab es von Schnitzler & Kirschbaum ein Musterbuch mit 191 Seiten.
Ein umfangreicher Bestand an Musterbüchern liegt auch im Solinger Stadtarchiv. So ein Musterbuch der Fa. Wilhelm von zur Gathen aus dem Jahre 1890. Gleich mehrere Bücher gibt es von der Fa. J.A. Schmidt & Söhne. Die Exemplare sind auf 1883 – 1890 datiert.
Musterzeichnungen von Messern aus dem Zeitraum 1925 – 1930 zeigen Dokumente der Fa. Joh. Delanier (Ohligs 1911 – 1960).
Sattlermesser in vielen Modellen, Taschenmesser, Hirschfänger und ganz geschmiedete Schneiderscheren sieht man auf 363 Seiten eines Musterbuches der Fa. J.A. Henckels (Lager in Berlin W, Leipzigerstrasse 118) aus dem Jahre 1909. Das Nachfolgebuch hatte 395 Seiten und ist datiert auf 1929. Spezielle Auszüge und Ergänzungen von Musterbüchern veröffentlicht Zwilling in Heftform mit kartoniertem Umschlag (01.10.1933 und 20.01.1926 Sattlermesser – und Schuhmachermesser, Berlin).
In einer Tarifordnung für das Schleifen von Scheren (01.12.1933) wurden wie in Musterbüchern Handzeichnungen abgebildet.
Ebensolch ein umfangreiches Programm zeigt das Musterbuch der Fa. Otto Hammesfahr aus Ohligs. Dieses 150 Seite starke Werk kann in den Zeitraum 1920 – 1928 datiert werden. Auffällig hier die Modelle der Schließmesser mit Hirschhornbeschalungen und Berufsmesser (Schustermesser).
Preise pro Dtz. und Angabe der Längen sind bei allen Produkten angegeben.
Sehr farbenprächtig und in Originalgröße zeigen Auszüge aus dem Gesamtprogramm der Fa. Friedr. Herder Abr. Sohn.
Richtig umfangreich zeigt sich ein gebundenes Musterbuch der Fa. Ed. Wüsthof. Taschenmesser diverser Ausführungen sind dicht an dicht auf 38 Seiten abgebildet. Lose Klingen, Hefte und Nieten gibt es im Anhang. Das Musterbuch hat einen Umfang von 277 Seiten.
Ein Nachtrag zum Hauptkatalog 1935 zeigt auf einer Seitengröße von 24x33 cm Schneidwaren der Solinger Fa. Anton Wingen jr. 1938. Angeboten werden Taschenmesser, Bestecke und die damals beliebten „Löns Messer“ sowie geschmiedete Tischmesser ohne Heft mit Steckerl.


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