Frischer Atem und Heil Hitler

Frischer Atem und Heil Hitler

Solingen/Es war die Zeit der Mitläufer und Gleichgeschalteten. Aber die Aufmüpfigen und Wiederholungstäter traten immer wieder in Erscheinung, obwohl sie die politische Herrschaft auch unterstützten. Solinger Unternehmen im Dritten Reich waren keine Ausnahme in Deutschland. Zwei Beispiele zeigen das andere Gesicht der Geschichte. Und die Beispiele zeigen, dass man damals eben ganz andere Sorgen hatte und die Prioritäten anders setzte.
Der Verkaufsdirektor der Firma Hillers in Solingen war Meister der Propaganda und Werbung unter Hitler. Ein Vorfall schaffte es weit über Solingen hinaus bekannt zu werden:" „Als Adolf Hitler einmal in der Nähe von Solingen bei einer Rede heiser geworden ist, schickt Hundhausen ihm anschließend eine Kiste Dr. Hillers Pfefferminz mit einem von der Belegschaft unterschriebenen Begleitbrief. Hitler bedankt sich in einem persönlichen Schreiben bei der Arbeiterschaft. Diese beiden Briefe lässt Hundhausen dann in großer Zahl vervielfältigen, legt sie in Ledermappen ein und verschickt sie an alle Handelsvertreter, allerdings begleitet von der expliziten Anweisung, diese Hitlerkorrespondenz nicht zu Werbezwecken einzusetzen. Diese propagandistische Wirkung wird gerade dadurch erreicht: der Führer und wir von Dr. Hillers!“(Quelle: – Eva-Maria Lehming: Carl Hundhausen: sein Leben, sein Werk, sein Lebenswerk. Public Relations in Deutschland, Wiesbaden 1997. S. 43f. [6]

Da war die Geschäftsleitung der Fa. Henckels Zwillingswerk schon ganz anders drauf. Obwohl einige Herren der Geschäftsleitung Mitglied der NSDAP waren, eckten sie immer wieder mit der Ordnung im Reich an. Zwei Vorfälle liegen unserer Zeitung als Schriftwechsel vor. Was sich zunächst wie ein banaler Streich liest, stellt sich als groß angelegte Täuschung der Endverbraucher heraus. Da haben wir die Sache mit der Ordnungsstrafverfügung des Regierungspräsidenten in Düsseldorf. Wir lesen: "Wegen Zuwiderhandlung gegen die Verordnung über Preisbindungen ... setze ich hiermit gegen Sie eine Ordnungsstrafe in Höhe von 1.000 Reichsmark fest. Nach den getroffenen Feststellungen haben Sie die von Ihnen herausgebrachten Packungen Rasierklingen mit Kleinhandelspreisen bedruckt. Hierin ist eine anmeldungspflichtige Preisbindung zu sehen. Ich erwarte, dass in Zukunft die Preisstellung in Ihrem Betriebe mit peinlichster Genauigkeit unter Beachtung der gesetzlichen Bestimmungen erfolgt." Das hat gesessen und wurde auch umgehend bezahlt.
Im Februar 1940 verärgerte man vom Grünewald aus wieder den Führer. Jetzt lief die Angelegenheit allerdings zwischen Henckels und Ministerpräsident Generalfeldmarschall Göring. Da wollten die Solinger den Dicken belatschen. Es ging um Werbebroschüren mit irreführenden Richtpreisen. Da die Solinger das Lager aber noch voll mit den falschen Prospekten hatten, stellte man einen Antrag auf Ausnahme. Dr. Rentrop antwortete am 12. März 1940 unmissverständlich aus Berlin: "Ihrem Antrag, die noch vorrätigen Werbebroschüren und Prospekte ohne vorherige Anbringung eines Aufdruckes "unverbindliche Richtpreise verteilen zu dürfen, vermag ich nicht zu entsprechen."
Eine Entwicklung, unter damaligen politischen Verhältnissen, die nicht zu unterschätzen war. Das lag nicht unbedingt auf Linientreuheit, war jedoch auch keine Ausnahme. Auch in Solingen wurde im kleinen wie im großen Stil getrickst.

Peter Nied (c)

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