Ehepaar Kronenberg: Entrechtet und von Hass verfolgt

Solingen/Peter Nied - Wohl keiner der Anwesenden konnte sich bei der Verlegung der Stolpersteine vorstellen, welches Elend, welche Angst und Not hinter dem verbrecherischen System steckte, als vor Ort der lange Leidensweg begann. Der lange Leidensweg des Ehepaar Kronenberg.

Im Wortlaut die Rede des FDP-Fraktionsvorsitzenden im Solinger Stadtrat, Herr Ulrich G. Müller, zur Verlegung der beiden Steine:"Emil Kronenberg wurde am 02. Oktober 1864 als eines von vier Kindern in Leichlingen geboren. Seit Vater hatte sich dort als Arzt niedergelassen. Die Familie Kronenberg war die einzige jüdische Familie in Leichlingen, aber niemals hatte der junge Emil in seiner Schulzeit in der Volks-, Bürger- und Realschule in Leichlingen Probleme wegen seiner Religion. Um ihren Kindern eine höhere Schulbildung zu ermöglichen zog die Familie 1878 nach Münster. Er besuchte das Paulinium Gymnasium und machte 1885 dort seinen Abschluss, obwohl seine Eltern 1881 nach Solingen Höhscheid zogen, weil sein Vater in Solingen eine Stelle als Geburtshelfer übernommen hatte. In der restlichen Schulzeit in Münster kümmerte sich der Bruder seiner Mutter um ihn. Zwei Mitschüler in Münster waren übrigens der spätere Maler Otto Modersohn und der spätere Heimatdichter Hermann Löns.
Von 1885 bis 1887 studierte er Medizin in Freiburg und Bonn. Nach einem ersten Teil des Militärdienstes in München setzte er dort sein Studium fort und legte dann 1890 in Bonn die ärztliche Staatsprüfung ab. Nach einem zweiten Teil der militärischen Ausbildung und Tätigkeit als Assistenzarzt der Reserve in Saarbrücken ließ er sich in Solingen-Höhscheid als Landarzt nieder. Nach einem weiteren Facharztstudium gründete er als Hals-, Nasen- und Ohrenarzt 1894 eine Praxis Am Neumarkt. Sein Ruf ging weit über Solingen hinaus und 1899 eröffnete er mit drei seiner Kollegen eine Privatklinik, die Bethesda an der Friedrichstraße. Er war Mitglied des ärztlichen Vereins in Solingen, Vorsitzender der Facharztkommission und des Ehrenrates und Mitbegründer des westdeutschen Vereins der Hals- und Ohrenärzte, dessen Vorsitzender er zeitweise war.
Im ersten Weltkrieg war Kronenberg auch im Militäreinsatz und wurde dort Königlich-Preußischer Sanitätsrat.
Sowohl im Elternhaus als auch in der Zeit beim Bruder seiner Mutter in Münster erlebte Emil Kronenberg ein liberales Klima. Im Gegensatz zum Vater, der eher nationalliberal war, orientierte sich Emil eher an der Nationalsozialen Vereinigung des Friedrich Naumann, die später mit der linksliberalen Freisinnigen Vereinigung fusionierte. Als 1906 eine entsprechende Ortsgruppe in Solingen gegründet wurde, übernahm Emil Kronenberg den Vorsitz.

1910 wurde daraus dann die Fortschrittliche Volkspartei und Kronenberg blieb ihr Vorsitzender bis 1914. Aus dem ersten Weltkrieg zurückgekehrt stellte er fest, dass man ihn in Abwesenheit zum Vorsitzenden der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) gewählt hatte und er mischte sich heftig in die Diskussion um den Versailler Friedensvertrag ein, den er nicht befürwortete. In den 20-Jahren zog er sich immer mehr aus der Parteipolitik zurück. Was blieb war sein Engagement im Kultur- und Bildungsbereich. Als Mitglied des Solinger Lesevereins war er der Mitbegründer der Solinger Stadtbücherei. Doch damit gab er sich nicht zufrieden. Er war fasziniert vom dänischen Modell der Volkshochschulen, in denen jeder etwas lernen konnte und es gelang ihm, eine solche auch in Solingen zu etablieren. Noch heute nutzen die Solingerinnen und Solinger diese Einrichtungen gerne.

Sie sind ein Beispiel für ein nachhaltiges bürgerschaftliches Engagement. Neben allen diesen Aktivitäten war Kronenberg ein produktiver Schriftsteller und Dichter. Während der Nazi-Diktatur wurde seine Wohnung demoliert, verlor er seine Stelle an der Bethesda, wurde sein Vermögen unter Zwangsverwaltung gestellt, er musste seinen Beruf aufgeben und den Judenstern tragen. Am 17.September 1944 sollte er sich bei der Gestapo in Solingen melden und wurde über Thüringen nach Theresienstadt gebracht. Dies war eine schlimme Erfahrung für ihn. Aufgrund seiner ärztlichen Fähigkeiten wurde der dort auch im Alten- und Siechenbereich eingesetzt, dies mag auch einer der Gründe dafür sein, diese Zeit überstanden zu haben. Nach seiner Rückkehr aus dem Konzentrationslager Theresienstadt musste er sich unter bedrückenden Verhältnissen erst wieder in Solingen einfinden, aber schon im Herbst 1945 trat er dann der neugegründeten FDP bei und gehörte bis 1949 dem Vorstand des Kreisverbandes an. Auch war er für die Freien Demokraten im Kulturausschuss der Stadt Solingen tätig. Am 21. Oktober 1951 wurde ihm eine hohe Ehre zuteil - der amtierende Bundespräsident Prof. Dr. Theodor Heuss, ein alter Bekannter, besuchte ihn in Solingen.    Im Rückblick auf sein Schicksal in der Nazi-Diktatur lagen ihm Rachegedanken fern. Das wurde auch darin deutlich dass er während der Entnazifizierung auch für diejenigen um Verständnis warb, die im System nach seiner Ansicht nur ihre Pflicht getan haben. In einer Stellungnahme zu einem Verfahren gegen einen ehemaligen Beamten äußerte er sich wie folgt: „Ich halte es für verhängnisvoll, wenn Hass und Rachsucht eine maßgebliche Rolle spielen, weil man damit niemals zu einer Verständigung kommt, zu einer sogenannten Wiedergutmachung führen sie nicht.“
Am 31.März 1954 starb Emil Kronenberg. Gemäß seinem Wunsch wurde der Leichnam eingeäschert und auf dem Friedhof Kasinostraße beigesetzt. Man könnte noch so manche Details seines Lebens anführen aber ich denke diese kurze Zusammenfassung seines Lebens und Wirkens macht deutlich, dass er es wert ist, an ihn zu erinnern. Und wie sagt der Künstler Gunter Demnig - bei den Stolpersteinen geht es eben um diese Erinnerung. Die Menschen, deren Familien unter der Naziherrschaft oft auseinander gerissen und zu Nummern degradiert wurden, werden so an ihrem letzten frei gewählten Wohnsitz wieder zusammengeführt und bekommen ihre Namen zurück.
Für die Freien Demokraten zählt insbesondere auch, dass Emil Kronenberg sich für die Freiheit und Würde jedes Einzelnen eingesetzt hat. Das
beispielhafte Verhalten Emil Kronenbergs  sollte auch heute noch Ansporn für jeden von uns sein, gerade in der heutigen Zeit mit ihren politischen Irrungen und Wirrungen den Kern einer liberalen und sozialen Demokratie wieder deutlich zu machen."

Kommentar schreiben

Kommentare: 0